Minimalismus (Teil 3) – wie ich zur Königin wurde

Zwar ist es erst einige Wochen her, dass ich den Entschluss gefasst habe, mein Zimmer zu entrümpeln und insgesamt etwa fünfzehn 45-Liter Müllsäcke wegzuschmeißen, zu verschenken oder zu spenden, doch die Auswirkungen dieser Aktion sind so stark spürbar, dass ich schon jetzt einen Rückblick wagen möchte.

 

Ich bin Königin geworden

Den größten Effekt hatte das ganze wohl auf meine Psyche. Seitdem mein Zimmer aufgeräumt ist, bin ich viel entspannter, wenn ich daheim bin. Ich fühle mich zum ersten Mal rundum wohl in meinem eigenen Zuhause. Hier sind keine Dinge mehr, die ich nicht mag oder nicht schätze. Hier bin nur noch ich, die Leute, die ich einlade, und die Dinge, die ich entweder brauche oder gern besitze. Das Gefühl, sich daheim wirklich wohl zu fühlen, hatte ich in dem Maße noch nie. Ich liebe meinen Stuhl und meinen Schreibtisch, der jetzt komplett leer ist, bis auf eine Lampe. Ich liebe meinen alten Sessel, der neben meinem Sofa steht und mit dem Stil bricht. Ich liebe meine Bettwäsche, die immer gute Laune hat. Ich liebe meinen Bananenbaum, der ganz gelbe Blätter hat, weil er den Winter nicht mag. Und den Avocadobaum, der so unheimlich sinnliche, grüne Blätter hat. Und den Gummibaum, der aussieht, als würde er jeden Moment einen Witz mit einer guten Pointe erzählen. Die Pflanzen, die total toll aussehen und Grün in mein Zimmer bringen, aber von denen ich nicht mehr weiß, was es für Pflanzen sind. Die Aloe Veras, die sich ohne Wasser wohler fühlen als mit. Der Stapel an Rucksäcken und Taschen, die meine Dinge durch die Stadt tragen. Der Kleiderschrank, der immer noch ein komplett leeres Fach hat. Und die Laternen, die jeden Abend brennen und ständig auslaufen und Kerzenwachs auf meinem Boden verteilen. Ich liebe sie alle und sie machen mein Zuhause zu meinem Zuhause. Zu dem Ort, an den ich gehöre, den ich bestimme, den ich mir ausgesucht habe. Mit den Dingen, die ich ausgesucht habe.

Auszumisten gibt einem die Macht über die Dinge im eigenen Zuhause zurück. Anstatt nur zuzuschauen, wie alles unkontrolliert mehr wird und aus den Fugen gerät, nimmt man die Zügel in die Hand und entscheidet sich aktiv dafür „Ja“ zu den richtigen und wichtigen Dingen zu sachen. Alle „Vielleichts“ und „Will-ich-gar-nicht-habens“ sind jetzt weg. Ich habe mir mein Zuhause zurückerobert. Ich bin die Herrin der Lage. Die Königin meines kleinen Königreichs.

Auch Aufgaben haben einen Ort

Mein Zimmer fühlt sich nicht mehr wie ein Raum voller Aufgaben an. Aufgaben wie: „Du solltest dringend mal wieder aufräumen.“ „Die ganzen Boxen auf deinem Schrank gehören geordnet.“ „Du hast die Rechnung noch nicht bezahlt.“ In meinem Zimmer gibt es jetzt genau einen einzigen Ort, an dem meine Aufgaben gesammelt werden. Unbezahlte Rechnungen, unbeantwortete Briefe, ungelesene Unterlagen – alles sammle ich in einer Ablage in meinem Schrank. An keinem anderen Ort in meinem Zimmer gibt es sonst unerledigtes. Das hat den Effekt, dass ich mich auch nur damit beschäftige, wenn ich diese Kiste in die Hand nehme. Es fällt mir nun viel leichter, nicht ständig an die unerledigten Dinge zu denken. Wenn ich abends ins Bett gehe, schreibe ich nicht mehr im Kopf meine To Do Listen. Denn ich weiß, dass alle Aufgaben gesammelt sind und nicht vergessen werden. Sie sind geordnet und werden erledigt, wenn ich mich dazu entscheide, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Das Chaos hat verloren

Ich muss nicht mehr aufräumen, bevor Gäste kommen. Stattdessen ist mein Zimmer einfach immer ziemlich ordentlich. Gerade steht noch eine Tupperdose auf meinem Tisch und eine Teekanne und eine Tasse herum, die noch gewaschen und aufgeräumt gehören. Dennoch war mein Zimmer in den letzten Wochen kein einziges mal in einem Zustand, in dem ich mich hätte schämen müssen, wenn Überraschungsbesuch zur Tür hereinkäme.

Und das liegt nicht daran, dass ich plötzlich total ordentlich geworden wäre. Sondern daran, dass kein Chaos mehr ausbricht. Alles hat jetzt seinen Platz, jedes Ding sein „Zuhause“. Die Dinge, die ich behalten habe, habe ich alle gern. Deswegen tut es mir leid, wenn ich sie nach dem Gebrauch nicht an ihr Zuhause zurücklege, damit sie schlafen gehen können. Was sich geändert hat, ist mein Umgang mit meinen eigenen Dingen. Ich gehe nun viel respektvoller mit allem um, weil mir durch das Ausmisten klargeworden ist, welche Dinge ich wertschätze und warum. Deswegen wandert alles wie von alleine an seinen Platz zurück, und der böse Geist Chaos war nicht mehr gesehen.

Ich habe Langeweile – voll geil!

Das hat auch den Nebeneffekt, dass ich viel weniger Zeit mit Aufräumen beschäftigt bin. Ich habe plötzlich unheimlich viel Zeit. Zeit, Hobbies zu verfolgen, zu schreiben, Freunde zu treffen. Ich fauler Sack habe sogar wieder angefangen, Yoga zu machen. Aus Langeweile! Weil mir plötzlich klargeworden ist, wie wenige Hobbies ich noch verfolge.

Das Ganze wird noch dadurch verstärkt, dass ich zum Neujahr meinen Schlafrhythmus geändert habe. Statt um 7 Uhr stehe ich jetzt schon um 5.30 oder 5.45 Uhr auf und habe so mindestens eine Stunde für mich, bevor ich mich fertig machen muss fürs Büro. Ich bin kein Morgenmuffel und morgens unheimlich produktiv, sodass ich abends nach der Arbeit heimkomme, alles Private schon erledigt habe, und tatsächlich Zeit habe. So richtig. Ohne schlechtes Gewissen.

Deswegen habe ich auch, obwohl ich gerade nebenher noch für eine Klausur lernen muss und diesen Blog und einen YouTube-Kanal angefangen habe, in den letzten Wochen so viel gelesen wie schon seit Jahren nicht mehr. Stundenlang bin ich in dem Buch, das meine Tante mir zu Weihnachten geschenkt hat, versunken und bin den Figuren durch ihr Leben gefolgt. Ich hatte vollkommen vergessen, wie wunderbar Lesen sein kann!

 

Ich hatte im Voraus an die guten Effekte des Minimalismus geglaubt, sonst hätte ich nicht den Entschluss gefasst, auszumisten. Aber dass das ganze zu so einer Kehrtwende führen würde, hatte ich nicht erwartet. Dass die positiven Effekte so gravierend sein würden, hätte ich mir nie erhofft. Und welche die positiven Effekte sein würden, hatte ich auch nicht gewusst. Dafür ist Minimalismus viel zu individuell.

Habt eine schöne Woche!

 

Ein Gedanke zu “Minimalismus (Teil 3) – wie ich zur Königin wurde

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