Minimalismus (Teil 4) – Tipps, wenn dir das Ausmisten schwer fällt

Als ich anfing, auszumisten, ging alles mit einem rasanten Tempo voran. An einem Abend mistete ich meinen kompletten Kleiderschrank aus. Säckeweise Kleider und Schuhe sortierte ich aus (natürlich für die Spende oder zum Verschenken, im Müll landete fast nichts). An einem anderen Abend dann meine Regale. An einem Abend alles rund um meinen Schreibtisch. Und an einem Abend alle Erinnerungsstücke. Selbst die Erinnerungsstücke fielen mir leicht. Ich entsorgte massenhaft Fotos und selbst die Schülerzeitung aus dem Gymnasium landete relativ leichten Herzens im Papiermüll. Mein Besitz nahm radikal ab und das tut unheimlich gut. Das Ausmisten fiel mir leicht, das Trennen von Dingen auch.

Dass das nicht allen Leuten so einfach fällt, fand ich heraus, als ich eine Freundin besuchte und wir auf der Tagesordnung hatten, gemeinsam bei ihr auszumisten. Ich gebe zu, dass ich etwas naiv war, aber ich dachte, ich komme zu ihr, erkläre ihr kurz die Regeln, und dann geht die Sache so flott wie bei mir. Tja, da hatte ich mich wohl getäuscht. Innerhalb von 3-4 Stunden schafften wir es lediglich, uns durch ihr wenigen Schuhe und eine mittelgroße Kommode mit Kleidern zu kämpfen. „Kämpfen“ beschreibt den Vorgang gut. Das Ausmisten dauerte lange und war für sie unheimlich anstrengend. Insbesondere emotional. Nach diesen paar Stunden hatten wir nicht mal einen kompletten Sack aussortiert und meine Freundin war mit den Nerven am Ende und vollkommen erschöpft.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was Leuten, denen das Ausmisten ähnlich schwer fällt, wie meiner Freundin, helfen könnte. Und habe eine kurze Liste mit Tipps und Tricks zusammengestellt:

1. Werde dir im Klaren, warum du ausmisten möchtest.

Was total banal klingt, ist aber unheimlich wichtig. Du denkst, weil du beschlossen hast, auszumisten, reicht das schon als reine Begründung? Leider nein. Wer sich nicht richtig im Klaren ist, warum er aussortieren möchte und was das Ziel der Aktion ist, der wird sich auch nicht im Klaren darüber werden, nach welchen Kriterien er denn aussortiert. Deine Entscheidung über jedes einzelnen Teil in deiner Wohnung wird dir schwerer als nötig fallen, weil du selbst gar nicht richtig verinnerlicht hast, wieso du dich überhaupt für manche Dinge und gegen andere Dinge entscheiden musst.

Gute Gründe Auszumisten wären:

  • Ich möchte ein Zimmer, in dem außer meinem Bett und meinem Sofa nur ein Regal steht und alles soll in dieses Regal passen.
  • Ich möchte auf Reisen gehen und nur so wenig besitzen, damit alles in einen großen Rucksack passt.
  • Ich möchte alles wegwerfen, was ich mir nicht selbst ausgesucht habe.
  • Ich möchte ein Zimmer, in dem nur noch Dinge sind, die mich mit positiven Gefühlen beglücken.
  • Ich möchte nur noch so wenige Kleider, dass alles in eine Kommode passt.
  • Ich möchte nur noch Dinge besitzen, die ich brauche.

Am besten, du setzt dich vor dem Ausmisten in aller Ruhe hin, meditierst vielleicht, und schreibst deinen persönlichen Grund auf – dein Ziel. Je detaillierter du dein Ziel definierst, desto besser.

2. Dir sind deine eigenen Kriterien nicht klar.

Dein Ziel ist definiert, aber die Entscheidungen darüber, was bleibt und was wegkommt, dauern trotzdem lange? Du zweifelst ständig an deiner Wahl? Du brauchst bei jedem Teil Minuten, um zu entscheiden, ob es in deinem Leben bleibt oder weiterziehen darf?

Dann hast du dir wahrscheinlich vor dem Ausmisten keine Gedanken darüber gemacht, nach welchen Kriterien du deine Entscheidungen fällen solltest. Eigentlich sind wir alle eigentlich schlecht darin, Entscheidungen zu treffen. Noch schlimmer wird es, wenn wir aus dem Bauch heraus entscheiden sollen.

Ein gutes Beispiel ist die Situation im Schuhladen. Du bist in einen Laden gegangen, weil du Winterstiefel brauchst. Innerhalb von zehn Minuten findest du zwei Paar, die dir gefallen und bequem sind. Die Entscheidung, welche du nun kaufst und welche du im Laden stehen lässt, dauert hingehen mindestens doppelt so lange. Warum? Weil du aus dem Bauch heraus entscheiden musst und du für diese Situation keine geeigneten Entscheidungskriterien definiert hast.

Das gilt für’s Neue Sachen in sein Leben Bringen genauso wie für’s Gebrauchte Sachen aus dem Leben Schaffen. Wenn du bei jedem Teil aus dem Bauch heraus entscheiden musst, ob du es behältst oder wegwirfst, dann dauern deine Entscheidungen sehr lange und die Chancen stehen zudem gut, dass du dich nach relativer kurzer Zeit frustriert und ausgelaugt fühlst, du falsch entscheidest, und deine Entscheidung im Nachhinein bereust. Entweder, weil du aus einer Laune heraus mehr los wirst, als gut gewesen wäre. Oder weil du dich nicht überwinden kannst, die richtige Menge wegzuwerfen, und daher deinem oben definierten Ziel keinen Schritt näher kommst.

Daher schau dir im ersten Schritt nochmal dein Ziel oder deinen Grund für’s Ausmisten an. Überlege dir, bevor du los legst, nach welchen Kriterien du entscheiden solltest, damit du diesem Ziel näher kommst.

Gute Entscheidungshilfen sind zum Beispiel:

  • Alles, was ich in den letzten 30 Tage nicht benutzt habe und wahrscheinlich in den nächsten 30 Tagen nicht benutzen werde, kommt weg (oder 90 Tage, oder 20 Tage).
  • Alles, was mir beim In der Hand Halten keine eindeutig positiven Gefühle gibt, wird aussortiert.
  • Alles, was ich doppelt besitze, kommt weg.
  • Alles, was mir jetzt gerade nicht richtig gefällt, kommt weg.
  • Alles, was in mir negative Erinnerungen aufkeimen lässt, kommt weg.
  • Alles, was ich auf Reisen nicht benötigen werde.

Ich habe einzig und allein nach der „Gibt mir das positive Gefühle“-Regel ausgemistet – gefunden in Marie Kondos Buch „Magic Cleaning“. Wenn du dir nicht sicher bist, welches Kriterium in deiner Situation passend ist, kann ich dir das Buch empfehlen. In deinem Fall lohnt es sich wahrscheinlich, das Buch erst komplett zu lesen, und dann erst mit dem Ausmisten zu beginnen.

3. Ausreden.

Du erfindest Ausreden, warum du bei jedem zweiten Teil doch nicht nach deinem oben festgelegten Kriterium handeln solltest. Das ist zwar schade, aber nur menschlich! Irgendwo ganz tief drin fand selbst ich es schade, dass manche meiner Gegenstände nun nicht mehr Teil meines Lebens sein werden. Je länger wir beim Ausmisten alten Erinnerungen nachhängen, desto schwieriger wird es, rationale Entscheidungen zu treffen. Und dann passiert es ganz schnell, dass wir eine Sache behalten (oder fünfzig), die uns eigentlich weder glücklich macht noch von uns gebraucht wird. Wir finden blitzschnell eine kreative Ausrede. Wir fühlen uns gut, weil wir eine Entscheidung fällen konnten. Wir legen die Sache zu dem Haufen an Dingen, die wir behalten wollen. Und spüren schon dann ein Grummeln in der Magengegend.

Der Grund liegt auf der Hand: In dem Moment, als uns die Ausreden einfiel, haben wir uns selbst hintergangen haben. Wir haben unsere eigene, lange überdachte Überzeugung, warum und nach welchen Kriterien wir ausmisten wollen, nicht mehr respektiert.

Ausreden sind etwas ganz heimtückisches. Wenn wir ehrlich sind, finden wir doch für jeden Gegenstand, egal wie nutzlos er ist, nach etwas Überlegen einen Grund, warum wir ihn vielleicht doch behalten sollten. Im Ausreden konstruieren sind wir unheimlich gut. Sie sind aber kontraproduktiv, denn sie verhindern, dass wir unserem Ziel näher kommen.

Ausreden beginnen oft mit: „Es könnte ja sein, dass…“, „Wenn X in Zukunft passiert, dann brauche ich das, weil…“, oder „Für den Fall der Fälle…“. Der Fall der Fälle wird nie eintreten. Es könnte ja sein? In dem Fall hast du Freunde, von denen du dir den Gegenstand ausleihen kannst. Wenn X in Zukunft passiert? Dann mach dir DANN darüber Gedanken, und belaste nicht dein gegenwärtiges Ich mit dem Gegenstand.

Deswegen: Sei aufmerksam. Wenn du dich dabei ertappst, dir Ausreden auszudenken, dann leg das Teil am besten nochmal weg, atme kurz durch, wirf nochmal einen Blick auf dein Ziel und deine Entscheidungskriterien. Erst dann nimmst du das Teil nochmal in die Hände und entscheidest nur nach deinen Kriterien.

Das Gute ist: Mit der Zeit bekommt man Übung und es macht dann sogar Spaß, nach Kriterien zu entscheiden, weil es schneller geht und einem viel leichter fällt!

4. Lass dich motivieren!

Wenn es dir so ergeht wie meiner Freundin und das Ausmisten macht dir an sich keinen Spaß, dann fällt es dir mitunter vielleicht auch schwer, dich selbst zum Weitermachen zu motivieren. Dafür gibt es eine einfache Lösung: Lade einen guten Freund ein. Lade jemanden ein, der dich am besten schon lange kennt und der deine Beweggründe verstehen wird. Überlege dir gut, wer das ist. Denn der falsche Ausmistpartner könnte dir und deinem Ziel im Weg stehen. Ein gutes Beispiel, was passieren kann: Du lädst deine Mutter ein und sie wird bei ganz vielen Dingen, die du eigentlich wegwerfen möchtest, sentimental, fängt im schlimmsten Fall sogar noch an, dir ein schlechtes Gewissen zu machen, und es herrscht nach kürzester Zeit eine angespannte Stimmung im Zimmer. Natürlich wirfst du viel weniger weg, als du dir vorgenommen hattest.

Achte also darauf, dass die Person, die du einlädst,

  • dein Ziel nicht nur kennt, sondern wirklich verstanden und verinnerlicht hat.
  • dein Ziel für gut empfindet und dich auf deinem Weg unterstützt.
  • deine Entscheidungskriterien so gut kennt und verinnerlicht hat, dass sie dir im Zweifelsfall die richtigen Fragen stellen kann, um dich an deine eigenen Kriterien zu erinnern (zum Bespiel falls du dir Ausreden ausdenken solltest).
  • nicht selbst an deinen Besitztümern festhält oder gar ein persönliches Interesse an ihnen hat und dazwischen funken könnte.
  • sich mit ihren Meinungen zurückhält und eine unterstützende Rolle einnehmen kann.
  • geduldig ist und sich freiwillig genügend Zeit für dich und deine Aktion nimmt.
  • am besten denselben Wissensstand zum Thema Minimalismus hat wie du und Minimalismus mit einer positiven Grundeinstellung gegenüber steht.

Falls dein Ausmistpartner auf den Geschmack gekommen ist, könntet ihr auch einen Pakt schließen und euch gegenseitig in Form von einer Challenge motivieren. Spielt zum Beispiel das Minimalismus-Spiel. Das Spiel geht einen Monat lang. Am ersten Tag des Monats, müsst ihr beide eine Sache wegwerfen. Am zweiten Tag des Monats zwei Sachen. Am dritten Tag des Monats müsst ihr drei Sachen wegwerfen. Und so weiter. Wer am längsten durchhält, hat das Spiel gewonnen. Gewonnen habt ihr aber eigentlich beide, denn ihr habt euch gegenseitig motiviert und seid ein paar Dinge losgeworden!

5. Lieber einmal richtig als immer mal wieder etwas.

Wem das Ausmisten schwer fällt, entscheidet gerne für sich, lieber nach und nach auszumisten: „Heute mache ich den Kleiderschrank. Nächste Woche dann das Besteck in der Küche. Und am Freitag sortiere ich meine Schminksachen aus.“ Wer so ausmistet, wird erst in ferner Zukunft komplett durch seinen Haushalt sein und kann dann wieder von vorne beginnen, weil in der Zwischenzeit viel zu viele neue Dinge dazugekommen sind! Willst du das?

Du hast dich doch entschieden, dass du ausmisten möchtest. Du hast aufgeschrieben, was dein Grund dafür ist und wie du dir dein Ziel genau vorstellst. Und du hast sogar festgelegt, nach welchen Kriterien du ausmisten wirst. Dann tue dir den Gefallen, blockiere ein Wochenende und miste in einem Rutsch deine komplette Wohnung aus. Nimm dir selbst das Risiko, in alte Muster zu verfallen, indem du nach und nach ausmistest. Je präsenter deine Gründe und Kriterien sind, desto schneller kommst du voran. Und je schneller dein Zimmer leerer und ordentlicher wird, desto schneller spürst du auch die positiven Effekte deiner Aktion. Wenn du nur hin und wieder ein bisschen ausmistest, spürst du die positiven Effekte kaum, weil immer noch genügend sonstiges Zeug in deiner Wohnung herumliegt.

Falls du kein Wochenende blockieren kannst, dann versuche, innerhalb von einer Woche jeden Abend nach der Arbeit für 2-3 Stunden auszumisten und am Wochenende etwas mehr. Wenn du mit anderen Menschen zusammenwohnst, beteilige sie an der Aktion. Miste nicht die Sachen anderer aus, sondern motiviere sie dazu, gleichzeitig den eigenen Besitz zu überdenken. Über einen längeren Zeitraum auszumisten kann ich nur empfehlen, wenn es wirklich nicht aus der Welt zu schaffende Gründe gibt, die es einem nicht erlauben, diese wichtige Event in einem Rutsch durchzuführen. In den allermeisten Fällen sollte dies aber kein Problem darstellen.

Sei stark, nimm die Sache in die Hand, und mach es einfach.

Dabei wünsche ich dir ganz arg viel Spaß! Kommentiert gerne unter meinem Post, ob ihr die Tipps hilfreich fandet, oder falls ihr noch weitere gute Tricks und Ideen habt. Ich freue mich über jeden Kommentar.

Bis bald!

Sarina

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