Warum ich aufhörte, mich zu schminken

Ich war nie jemand, der sich viel geschminkt hat. Nichtsdestotrotz nahm ich über Jahre jeden Morgen meine Mascara in die Hand und verdunkelte und verlängerte meine Wimpern künstlich. Manchmal trug ich Eyeliner, zum Beispiel zum Weggehen. Manchmal etwas Lipgloss.

Irgendwann wurde das weniger. Hauptsächlich, weil ich einfach nicht immer Lust auf das Prozedere hatte, spät dran war, oder einfach zu faul war. In dieser Zeit, als ich mal geschminkt war und mal auch nicht, passierten mehrere Dinge, die mich letzendlich dazu bewegten, mich komplett von meinem Schminkzeug zu trennen.

Das erste, das mich zutiefst störte, waren die Komplimente zu meinem Aussehen, die ich immer nur dann bekam, wenn ich geschminkt war. „Du siehst heute richtig gut aus“, sagte mir eine Freundin immer dann, wenn ich Eyeliner trug. Positive Reaktionen auf mein geschminktes Gesicht bekam ich von meinen Freunden wie auch von meiner Familie.

Andersherum wurde ich an ungeschminkten Tagen immer wieder gefragt, ob ich krank sei oder alles in Ordnung sei. Oder es wurden Kommentare zu meinen Augenringen gemacht. Den Leuten fiel das auf, wenn die Wimperntusche meine Augen nicht größer wirken ließ.

Mich nervte das immens. Irgendwann reagierte ich auf ein Kompliment zu meinem Aussehen seitens einer Freundin mit dem Satz: „Ja, weil ich heute geschminkt bin.“ Schlussendlich fühlten wir uns dann beide schlecht.

Als zweites fing ich an, darüber nachzudenken, warum wir uns eigentlich schminken. Männer tun es ja auch nicht (mit Ausnahmen natürlich). Warum sind Frauengesichter verbesserungswürdig und sollten aufgehübscht werden, während viele Männer es nicht mal für nötig empfinden, ihren Bart regelmäßig zu stutzen? Und was macht das mit uns?

Ich bemerkte bei mir selbst, dass nicht nur alle um mich herum mein geschminktes Ich besser fanden, sondern ich selbst auch. Weil ich mich seit mehreren Jahren schminkte, hatte ich mich so an dieses geschminkte Gesicht gewöhnt, dass ich das ungeschminkte ungewohnt und nicht so gut fand.

Das führte zum dritten Thema: Selbst-Akzeptanz. Zu einem ähnlichen Zeitpunkt stieß ich auf Instagram zum ersten mal auf die Body-Positivity und Self-Acceptance Szene. Mir wurde schnell klar, dass ich nur zufrieden mit mir sein könnte, wenn ich meinen Körper so akzeptierten lerne, wie er ist. Wie sollte ich aber mein Gesicht akzeptieren, wenn ich ständig versuchte, es zu verschönern?

Ich entschied also, mich nicht mehr zu schminken – zumindest für eine Weile – um an meiner Selbstakzeptanz zu arbeiten.

Und dann passierte die vierte Sache. Ich war im Urlaub mit einer Person, die mir sehr nahe steht. An einem Abend meinte diese Person zu mir, dass sie es total traurig finde, dass ich mich nicht mehr schminke. Das sei doch so schön. Traurig? Ich mache Menschen traurig, indem ich mich nicht mehr schminke? Gehts noch?

Erst da wurde mir so richtig bewusst, dass es hier nicht nur um meine persönliche Erfahrung, meine Akzeptanz meiner selbst geht, sondern dass die Gesellschaft erwartet, dass man als Frau geschminkt durch die Gegend läuft. Da mache ich nicht mit.

Als Frau ungeschminkt zu sein, ist immer noch ein politisches Statement.

Bis sich das ändert, werde ich mich mit wenigen Ausnahmen nicht mehr schminken. Die Welt da draußen muss lernen, mit meinem ungeschminkten Gesicht umzugehen, genauso wie sie mit den ungeschminkten Männergesichtern umgehen muss.

Nun schminke ich mich seit über 2 Jahren nicht mehr – gar nicht mehr. Ich bin seitdem selbstbewusster geworden, mag mein Gesicht inzwischen so, wie es ist, und habe mir eine „Fuck it“-Mentalität angelegt, die sehr hilfreich ist, wenn es doch mal wieder schwierig ist. Erst letztes Jahr wurde mir zum Beispiel von einer Mentorin gesagt, dass ich mich im Business-Umfeld schon irgendwann schminken sollte, wenn ich Karriere machen möchte.

Dabei gibt es genügend Beispiele von sehr erfolgreichen Business-Frauen, die sich nicht schminken. Denn eines ist auch klar: Es waren immer nur die anderen Frauen, denen aufgefallen ist, ob ich geschminkt war oder nicht, und nie die Männer. Im Gegenteil: Einer Studie zufolge trauen die meisten Menschen ungeschminkten Frauen sogar eine höhere Führungskompetenz zu. 

Wie seht ihr das? Schminkt ihr euch noch und was sind die Gründe dafür? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich oder war es bei euch ganz anders? Kommentiert doch mal eure Erfahrungen und Meinungen unter dem Artikel. Ich freue mich darauf!

eure ungeschminkte Sarina

P.S.: Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat bei mir auch dazu geführt, andere Frauen ungeschminkt attraktiver zu finden. Ich glaube es hängt vor allem damit zusammen, dass ich das ungeschminkte Gesicht als nahbarer und „echter“ empfinde. Die Augenringe könnten darauf hindeuten, dass jemand in letzter Zeit Schlafprobleme hat, also frage ich danach. Die Augen leuchten nicht wegen des Makeups, sondern weil es jemandem richtig gut geht und er/sie begeistert ist von einer neuen Entwicklung. Wenn wir nicht überdecken, was unser Gesicht anderen verraten könnte, ist das auch ein Schritt zu einem ehrlicheren Miteinander. Nichtsdestotrotz sollte für jeden bei der Entscheidung, ob man sich schminkt oder nicht, nur eine Frage im Vordergrund stehen: Wie fühle ich mich am wohlsten?

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