Bücherschau: Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist

Ich folge auf Instagram dem Hashtag #autorinnenschuber, der entstanden ist, nachdem die Süddeutsche Zeitung in einem Buchschuber zehn Bücher zur „Weltliteratur“ erklärte, welche allesamt von weißen, überwiegend toten, männlichen Autoren stammen. Als Reaktion teilen seither Literaturinteressierte ihre Lieblingsbücher von Autorinnen in den Sozialen Medien, indem sie ihre Posts mit dem oben genannten Hashtag versehen. Siehe auch dieser Artikel von ze.tt zum Thema. Denn Frauen schaffen es immer noch nicht so viel gefördert und gelesen wie Männer.

Der Hashtag ist für mich ein toller Fundus an Buchtipps und wer sich meine Bücherschauen aus diesem Jahr anschaut, sollte merken, dass hier kein einziges Buch von einem Mann dabei ist. Das war gar keine aktive Entscheidung, keine Bücher von Männern zu lesen. Sondern die Buchtipps, die mich erreichen, sind inzwischen fast ausschließlich von Frauen geschriebene Bücher. Zudem interessieren mich die Themen und Perspektiven in von Frauen geschriebenen Büchern meist mehr.

Über den Hashtag erreichte mich auch der Tipp für das Buch „Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist. Bei dem Buch handelt es sich um die Dystopie einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder danach bewertet, wie produktiv sie sind.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Dorrit erzählt – einer Entbehrlichen. Sie ist zu Beginn des Buches 50 und kinderlos und hat ansonsten ein recht normales Leben geführt. Wegen ihrer Kinderlosigkeit gilt sie als Entbehrlich, da sie sich nicht um irgendwelche Nachkommen kümmern muss. Deswegen wird sie an ihrem 50. Geburtstag in eine Art Sanatorium gebracht, gemeinsam mit vielen anderen Entbehrlichen.

Ziel des Sanatoriums ist, aus den Entbehrlichen so viel wie möglich herauszuholen, bis zu deren Tod. Mit den Entbehrlichen werden Humanversuche durchgeführt, zum Beispiel psychologische Tests oder neue Medikamente, die mitunter tödlich verlaufen können. Zudem werden ihre Organe gespendet. Zu Beginn vielleicht nur eine Niere oder ein Teil der Leber, sodass die Entbehrlichen noch ein Weilchen überleben und an Humanversuchen teilnehmen können. Doch spätestens nach 5 Jahren werden die Entbehrlichen zur „Endspende“ zugeteilt und ihr Leben endet mit der Spende überlebenswichtiger Organe wie etwa des Herzens und der Lunge.

Das Buch zeichnet eine gruselige, düstere Gesellschaft und wirft viele ethische Fragen auf. Was ist ein Mensch wert, der nicht produktiv ist? Ist es ethisch vertretbar, die Organe eines weniger produktiven Menschen zu entnehmen, um damit das Überleben eines produktiveren Menschen zu sichern? Was ist der Sinn des Lebens?

Die Geschichte von Dorrit fesselt einen von Seite 1 bis zum Schluss ans Buch. Obwohl die Hintergründe makaber sind, enthält das Buch viel Liebe und Freundschaft. Man verfolgt zudem, wie sich Dorrits Gemütszustand während ihres Aufenthalts immer wieder stark verändert. Zu Beginn ist sie wütend, traurig und hat riesige Angst. Doch dann findet sie enge Freunde und einen Partner. Zum ersten mal kann sie eine Partnerschaft fernab aller Zwänge ausleben, denn der Gedanke, dass diese Partnerschaft Kinder erzeugen muss, ist weg. Zum ersten mal kann sie jemanden einfach lieben, ohne an ihre Zukunft denken zu müssen. Sie erlebt, wie befreiend dies ist.

Zudem genießt sie die vielen Vorteile des Sanatoriums. Den Entbehrlichen steht hier nämlich jeder Luxus zur Verfügung. Sie leben in komfortablen Suiten, es gibt Parks und Wintergärten, eine riesige Sportlandschaft mit Schwimmbecken, Fitnessclubs, Rädern und vielem mehr. Eine Bücherei, Boutiquen, mehrere Restaurants, Künstler-Ateliers und und und. Alles ist für die Entbehrlichen umsonst. Sie dürfen sich ausleben, wie es ihnen gefällt.

So soll einerseits verhindert werden, dass die Entbehrlichen leiden. Anderseits ist es eine perfekte durchdachte Maschinerie, die verhindert, dass die Entbehrlichen auf Fluchtgedanken kommen.

Ich gebe dem Buch 5 von 5 möglichen Sternen.

Ninni Holmqvist beschreibt die Gefühle der Protagonistin mit Feingefühl und Ehrlichkeit. Das macht sie so gut, dass man die Absurdität der Gesamtsituation während des Lesens schnell vergisst und die Handlungen und Gefühle von Dorrit auf jeder Seite nachvollziehbar sind. Es ist ein Buch, in dem man versinkt und das man nicht mehr weglegen kann. Es ist spannend von Anfang bis Ende und das Ende der Geschichte nicht vorauszusehen. Es ist ein Buch, dass zum Nachdenken anregt, aber gleichzeitig leicht zu lesen ist.

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