Bücherschau: Heimkehren von Yaa Gyasi

Ich versuche, meinen Konsum generell minimalistisch zu gestalten. D.h. nur zu kaufen, was ich wirklich brauche und zu verhindern, dass meine Wohnung sich zumüllt.

Während die meisten ihre Bücher am liebsten in riesigen Bücherregalen stapeln und aufbewahren, verschenke ich fast alle Bücher, die ich gelesen haben.

Und noch eine Sache mache ich anders: Ich versuche, nur dann Bücher zu kaufen, wenn ich gerade wirklich eines zum Lesen brauche.

Früher hatte ich einen ganzen Stapel ungelesener Bücher in meinem Zimmer. Doch nicht zu jeder Jahreszeit und in jeder Lebenssituation hat man Lust auf jedes Buch. Deswegen kam es mitunter vor, dass ich Bücher, die ich im Buchladen enorm interessant fand, danach entweder erst Monate oder Jahre später oder sogar nie gelesen habe. Und der Stapel hat mich dann sogar unter Druck gesetzt. Mir tun diese Bücher Leid, wenn sie da nur so rumliegen und nicht gelesen werden.

Meine jetzige Vorgehensweise gefällt mir daher besser. Wenn ich ein Buch fertiggelesen habe, gehe ich auf der Suche nach dem nächsten Buch in einen Buchladen (oder in die Sammlung einer Freundin) und suche mir das nächste Buch raus. So kann ich immer hundert Prozent sicher sein, dass ich das Buch auch wirklich lesen werde.

Kurz vor meinem Urlaub bin ich auf der Suche nach einem Buch für die Reise in den Buchladen gegangen. Ich habe explizit nach Autor*innen gesucht, der*die aus einem anderen Kulturkreis stammen als ich. Gar nicht so einfach! Aber ich bin fündig geworden.

Während meiner Reise in Slowenien (Bilder gibt’s jede Menge auf meinem Instagram-Profil) habe ich „Heimkehren“ von der in Ghana geborenen und in USA aufgewachsenen Autorin Yaa Gyasi gelesen. Den Klappentext könnt ihr hier nachlesen:

Das Buch folgt der Geschichte zweier Schwestern und deren Nachkommen über einen Zeitraum von 6 Generationen. In jedem Kapitel springt man zwischen den zwei Familien hin- und her und in die jeweils nächste Generation.

Gyasi ist es so gelungen, die immense Geschichte vom Beginn der Sklaverei bis zum heute noch weiterbestehenden systematischen Rassismus auf etwas mehr als 400 Seiten wiederzugeben. Und das, ohne ein langweiliges Geschichtsbuch zu sein, noch den Leser mit zu vielen Informationen zu überfordern.

In jedem Kapitel bekommt man eine Momentaufnahme der jeweiligen Epoche, mit allen Schwierigkeiten und allen Eigenheiten der Protagonisten. Natürlich bleiben so viele Millionen Geschichten unerzählt. Doch ich glaube nicht, dass es der Anspruch der Autorin war, alle Facetten der Sklaverei und des Rassismus in einem Buch wiederzugeben.

Stattdessen nimmt die Gyasi den Leser in jedem Kapitel mit in die Welt der Protagonisten und schafft es, deren Gefühle, Gedanken, Ängste und Wünsche so feinfühlig und leicht verständlich wiederzugeben, dass man während des Lesens tief eintaucht.

Mal in ein Dorf der Asante zu einer Protagonistin, die von den anderen Dorfbewohnern ausgestoßen wurde. Mal in die Baumwollplantage, die die Protagonistin versucht zu verlassen, um ihrem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mal in eine Festung, wo weibliche Sklaven zu hunderten in Verliese ohne Fenster gesteckt werden, bevor sie auf Schiffen nach Amerika verfrachtet werden – ohne Licht, ohne Wasser, ohne Toiletten.

Das Buch vermittelt den unendlichen Schmerz, die Frustration, die Ungeduld, die Ungerechtigkeit, die Trauer mit einer ernsten und teils sehr rationalen, sachlichen Erzählweise. Es verschönt nichts, es dramatisiert aber auch nicht.

Das ist auch nicht nötig. Die Geschichten sprechen für sich, denn obwohl alles Fiktion ist, hätte jede dieser Geschichten genau wie erzählt wahr sein können.

Meiner Meinung nach ist das Buch ein Muss und sollte in Schulen gelesen werden. In einem Geschichtsbuch über die Sklaverei und den weiterhin existenten Rassismus zu lernen ist das eine. Doch Geschichten zu lesen, die einen bewegen, die die Gefühle der Menschen wiedergeben, ist etwas anderes.

Mich hat das Buch zutiefst bewegt. Ich habe viel Trauer und Mitgefühl verspürt, Entsetzen über die Gewalt und die Ungerechtigkeiten, denen Millionen Familien in ähnlicher Art ausgesetzt waren und sind.

Das Buch ist zutiefst politisch, ohne politisch sein zu wollen.

Meine Bewertung: 5 von 5 möglichen Sternen.

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